»Es gibt meist fast schon klassische Indizien für eine Affäre«
Untreue in einer Partnerschaft wird häufig erst dann zum Thema, wenn deutliche Signale auftreten. Laut Aussagen von Beziehungsberaterinnen und Psychologinnen gibt es wiederkehrende Verhaltensmuster, die in der Praxis nahezu klassisch erscheinen. Auch wenn jeder Einzelfall seine individuelle Dynamik hat, zeichnen sich bestimmte Indizien ab, die bei einem Verdacht auf eine Affäre beachtet werden sollten.
Wie in dem Gespräch mit dem Spiegel erläutert wird, zählen plötzliche Veränderungen im Kommunikationsverhalten und Tagesablauf zu den auffälligsten Signalen. Wenn etwa ein Partner oder eine Partnerin beginnt, das Mobiltelefon verstärkt zu schützen, etwa durch geänderte Passwörter oder das Mitnehmen in jede Räumlichkeit, könne das ein erster Hinweis auf eine Verschiebung in der Beziehungsdynamik sein. Daneben spielten auch emotionale Distanz, verändertes Sexualverhalten oder unerklärliches Fehlverhalten eine Rolle bei der Identifikation von Untreue.
Die Paarberaterin Sandra Konrad weist darauf hin, dass es für Außenstehende oft keine klaren Beweise gibt, sondern vielmehr eine Vielzahl kleiner Hinweise, die zusammengenommen ein Bild ergeben können. In der Praxis sind dies häufig subtil verlaufende Veränderungen: Ein Partner wird verschlossener, zeigt weniger Interesse am gemeinsamen Alltag oder reagiert ungewöhnlich gereizt bei harmlosen Fragen nach Tagesplänen.
Doch nicht jeder Rückzug oder jedes neue Passwort weist automatisch auf eine außereheliche Beziehung hin. Konrad warnt ausdrücklich vor voreiligen Schlüssen: „Verdachtsmomente sollten nicht zu einem Misstrauensklima geführt werden, das letztlich die Beziehung stärker belastet als die eigentliche Ursache.“ Besonders problematisch sei es, wenn ein Partner heimlich das Handy oder E-Mails des anderen kontrolliert. Dies sei in der Regel nicht nur juristisch fragwürdig, sondern könne auch eine tiefere Vertrauenskrise auslösen.
Gemäß der familien- und scheidungsrechtlichen Praxis ist das Ausspionieren von Partnern etwa durch heimliche Überwachung oder das Auslesen von Daten ohne Zustimmung rechtlich bedenklich. Solche Handlungen können gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht verstoßen und in Einzelfällen auch strafrechtliche Relevanz haben.
Statt auf heimliche Nachforschungen zu setzen, empfehlen Fachleute deshalb ein offenes und respektvolles Gespräch. „Wenn sich ein Verdacht aufdrängt, ist die klärende Auseinandersetzung auf Augenhöhe meist der einzige Weg, um wieder Vertrauen aufzubauen oder gegebenenfalls auch Konsequenzen zu ziehen“, so Konrad.
Die Psychologin betont, dass das Thema Untreue in der heutigen Beziehungskultur häufig differenzierter betrachtet werden müsse. Die alleinige Fixierung auf sexuelle Exklusivität werde vielen Paarkonstellationen nicht gerecht. Zugleich könne aber jeder Vertrauensbruch – unabhängig von körperlicher Nähe – tiefe Verletzungen bei der betroffenen Person hervorrufen.
„Was als Untreue empfunden wird, ist nicht für alle gleich“, erklärt Konrad. Während manche Paare sich auf exklusive sexuelle Treue einigen, definieren andere Untreue bereits über emotionale Nähe oder heimliche Chats mit Dritten. In Beratungsgesprächen zeige sich immer wieder, dass klare Absprachen zu Beginn einer Beziehung selten seien; viele Annahmen über Treue würden stillschweigend als selbstverständlich vorausgesetzt. Im Konfliktfall führe das jedoch häufig zu Missverständnissen.
Konrad plädiert deshalb für eine offenere Kommunikationskultur unter Paaren: Über Erwartungen, Wünsche und auch über eigene Bedürfnisse sollte regelmäßig gesprochen werden, um Missverständnissen vorzubeugen. „Eine Beziehung ist keine starre Struktur, sondern ein lebendiger Prozess, der von gemeinsamen Entscheidungen und Offenheit lebt.“
Auch bei der Aufarbeitung einer tatsächlichen Affäre komme es entscheidend darauf an, wie beide Seiten damit umgehen. Während für manche Untreue ein sofortiges Trennungsmerkmal darstellt, nutzen andere Paare den Vorfall als Anlass für eine tiefere Auseinandersetzung mit der Beziehung. In Paartherapien werde zunehmend versucht, nicht nur Schuldfragen zu klären, sondern auch die Ursachen hinter dem Vertrauensbruch zu beleuchten.
Zu diesen Ursachen zählen der Psychologin zufolge häufig emotionale Vernachlässigung, das Gefühl des Unverstandenseins oder eine langfristige Unzufriedenheit mit dem partnerschaftlichen Leben. Der Seitensprung sei dann oft nicht Ursache des Beziehungsproblems, sondern Symptom einer bereits bestehenden Spannung. In solchen Fällen könne eine offene Auseinandersetzung mit den Ursachen hilfreich sein – auch wenn die Beziehung am Ende nicht fortgesetzt wird.
Abschließend weist Konrad darauf hin, dass gesellschaftliche Erwartungen oft den Umgang mit Untreue erschweren. Der moralische Druck und die Scham, an einer Ehe festzuhalten oder sie zu beenden, seien in vielen Fällen hoch. Umso wichtiger sei es, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen, die sich an den individuellen Bedürfnissen orientieren – und nicht an gesellschaftlichen Vorstellungen.